Pauchard, Esther

Esther Pauchard, geboren 1973,
hat in Bern Medizin studiert und ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie arbeitet als leitende Ärztin einer Suchtfachklinik in Burgdorf und ambulant in eigener Praxis.

Zudem ist sie seit einigen Jahren als Autorin von Kriminalromanen tätig: 2010 erschien «Jenseits der Couch», 2012 der Folgeroman «Jenseits der Mauern», 2014 «Jenseits der Rache» und 2016 «Tödliche Praxis».

Esther Pauchard ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Sie lebt mit ihrer Familie in Thun.
Alle Veranstaltungen von Esther Pauchard www.esther-pauchard.ch

Video-Kurzportrait von Esther Pauchard

Interview mit Esther Pauchard

Schreiben ist Kopfsache – was geschieht bei der Schreibarbeit einer Psychiaterin unbewusst?
Enorm viel. Ich verrate durch das Schreiben ganz viel über mich, meine Werthaltungen, Gedankengänge, inneren Prozesse, ob ich will oder nicht. Wie sich vor meinem inneren Augen Protagonisten, Szenen und Geschichten materialisieren, hat viel mehr mit meinem Unbewussten zu tun als mit meinem Bewussten.

In der Buchszene wird man das Gefühl nicht los, dass jeder Autor noch seinen Krimi schreiben muss.
Krimis ziehen, laufen gut, sind beliebt. Schon rein die Krimistruktur mit Tempo, Spannung und Cliffhangern ist reizvoll. Und was mir gefällt: Krimis sind nicht elitär. Als Krimiautorin muss ich keine ernsthafte Miene und schwarze Rollkragenpullis tragen, ich darf ganz normal sein, nicht so würdig, eher vergnügt.

Vergnügt. Ist dir einer deiner Auftritte in spezieller Erinnerung?
Die sechste Zürcher Kriminalnacht war für mich denkwürdig: Ein Anlass, den ich zusammen mit drei anderen Schweizer Krimiautoren bestritten habe, und an dem nicht wir Autoren selbst aus unseren Büchern vorgelesen haben, sondern Schauspielprofis. Es war schon ein ganz besonderes Erlebnis, dass mein Textausschnitt von keiner Geringeren als Barbara Terporten (Anna-Maria Giovanoli aus dem «Bestatter») gelesen wurde.

Lässt du dich bei der Idee für einen neuen Krimi aus dem Nichts heraus inspirieren oder kann man das Terrain bewusst etwas vorbereiten?
Die erste Zeit mit einem neuen Projekt bezeichne ich als Schwamm-Phase: Wie ein trockener Schwamm sauge ich alle Eindrücke auf, die kommen, setze erste Ideen zu einem losen Netz zusammen, spinne Einfälle weiter. In dieser Phase ist enorm viel dem Zufall überlassen. Ich selbst steuere da ganz wenig. Das ist ja das Spannende.

Es gibt Autoren, die fangen an zu schreiben, ohne dass sie wissen, wie die Geschichte endet …
Ja, die soll es geben, ich gehöre nicht dazu. Ich bin da mehr der Kontrollfreak, verbringe vor dem Schreiben der ersten Zeile Monate bis Jahre mit der Planung und Recherche, erstelle dabei schon ein umfangreiches Dokument mit Exposé und Protokollen von Recherchegesprächen. Ich beginne erst dann, ein Buch zu schreiben, wenn ich schon sehr detailliert weiss, was wann passiert. Das gibt mir die Freiheit, mich ganz auf den Text zu konzentrieren.

Wie erlebst du das Recherchieren?
Unglaublich spannend, wenn auch unglaublich aufwendig. Für meinen neuen Roman habe ich als absolute Novizin in der Kunstwelt recherchiert, konnte die Sammlung einer bekannten Kunstmäzenin besuchen, eine bekannte Zürcher Galerie, durfte mit ehrfürchtigem Zeigefinger die Signatur auf einem Picasso für 100‘000 Franken berühren (nachdem ich zuvor beinahe nichtsahnend meine prall gefüllte Handtasche auf ebendiesen hätte plumpsen lassen). Die Recherche ermöglicht mir, völlig fremde Welten zu entdecken, mit spannenden Menschen in Kontakt zu treten. Eine geniale Gelegenheit, meinen eigenen Horizont zu erweitern.

Polizisten monieren immer wieder, dass TV-Krimis nicht viel mit ihrem Berufsalltag zu tun hätten. Wie viel Phantasie gönnst du dir?
Ein Krimi sollte im Idealfall gut konstruiert und dramaturgisch durchdacht sein. Das Leben ist selten gut konstruiert und dramaturgisch durchdacht. Ich bin jeweils irritiert, wenn Leser eine Krimihandlung als unrealistisch kritisieren – wollen wir denn realistische Geschichten mit Alltagsmief? Ich auf jeden Fall nicht. Also gestatte ich mir ein gerüttelt Mass an Phantasie. Aus Respekt mache ich gerne einen Bogen um das Feld der Polizeiarbeit und halte mich bedeckt – eben, um nicht in die Falle der unrealistischen Darstellung zu tappen. Ich finde den Einsatz von Laienermittlern als Protagonisten ohnehin vielversprechender. Aber auch darin richte ich mit grösserer Kelle an, als der Alltag es tun würde. Welche Psychiaterin tappt schon immer wieder in kriminelle Verwicklungen? Aber Kassandra Bergen passiert das halt, oh Wunder.

Dein Mann ist bekanntlich der Erstleser deiner Krimis.
Er bildet die Brücke zwischen Innenwelt und Aussenwelt, den ersten harschen Lufthauch, der meine Bücher trifft. Ich bin immer wahnsinnig gespannt, aber auch ängstlich, wie er es findet. Wenn er dann den Daumen nach oben reckt, fällt mir ein Stein vom Herzen. Er ist offen und ehrlich, aber gleichwohl feinfühlig. Muss er auch – er will ja mit mir verheiratet bleiben.

Hat dir schon jemals eine Person ins Gesicht gesagt, der letzte Krimi von dir hätte ihr jetzt aber nicht so gefallen?
Absolut. Und das macht mir auch keine Mühe – Schreiben und Lesen sind etwas sehr Persönliches und persönlichen Vorlieben unterworfen, es ist ganz normal, dass meine Bücher nicht allen gefallen, das ist auch nicht das Ziel. Mehr Mühe habe ich allerdings mit Leuten, die mir ihre Kritik sehr genüsslich und selbstherrlich vermitteln und darin destruktiv und respektlos auftreten. Das ist dann wieder ein Fall für die Kassandra in mir.
Dein neuer Krimi heisst «Jenseits des Zweifels». Wo im Leben gibt es für dich keine Zweifel?
In ganz vielen Belangen, eigentlich in allen wichtigen des Lebens. Ich bin ein sehr entschiedener Mensch, gehe ohne Umwege von A nach B und fühle mich in dem, was ich tue, im Grunde sehr sicher. Unzweifelhaft ist für mich auch: Ich will und werde weiterschreiben. Aufhören steht nicht zur Debatte.

Welche Frage stellen dir die Leute am meisten?
«Frau Pauchard, Sie sind Ärztin, Autorin, Familienfrau – wie schaffen Sie das nur alles?»
Die Antwort ist simpel: Fast gar nicht. Oft bin ich viel zu hektisch und mit hängender Zunge unterwegs, weiss nicht, wie ich all die sich türmenden Aufgaben in eine ohnehin übervolle Woche stopfen soll, ohne dabei den Verstand zu verlieren. Ich bin kein bisschen cool und lässig, oft eher genervt und gestresst. Aber dafür ist mein Leben vielseitig, überraschend und bunt. Ich finde trotz allem, es lohnt sich. Und rede mir gerne und wiederholt ein, dass das jetzt gerade nur eine kurze Durststrecke ist, dass es bald besser wird. Nur klappt das im Grunde nie.