Bücher zum Leben

Nill, Balts [mehr erfahren ...]

vo wäge DO

CHF26.00

120 Seiten, Leinen
Format 11 x 18 cm
ISBN 978-3-906806-28-0
ca. Fr. 26.– / Euro 26,-

Hör-Kostproben aus dem Buch, oder:
Berndeutsch funktioniert auch auf Züridütsch!

(Übertragung: Joschi Kühne, Ex-Moderator Radio SRF 1)

 

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Es ist eines der meistübersetzten Bücher, das zweitausendjährige chinesische Weisheitsbuch Tao Te King. Bertolt Brecht hat ihm ein Gedicht gewidmet, Philosophen und Historiker diskutieren noch immer Ursprung und Deutungen der Verse von Lao Tse. Und jetzt das: Das Tao Te King in Mundart. Funktioniert das?

Balts Nill – unter anderem langjähriger Taktgeber des Duos «Stiller Has» – zweifelte stark, aber wollte es wissen. Über Wochen, Monate und Jahre entdeckte er, wie die Texte von Lao Tse in seiner Mundart-Übertragung träfer wurden, einen eigenen Sound entwickelten. Eine tiefgründige philosophische Schrift wurde Vers für Vers in einen Sprechtext verwandelt – oder gar zurückverwandelt? Gleichzeitig: So wie der chinesische Text in anderen Übersetzungen unergründlich dunkel daherkommt, zeigt er im Berndeutschen seine zweite Seite: die der scharfen Kanten. Die Mundart kann hier nichts mehr vergemütlichen, sondern macht Gedanken verbindlich, mit einem eigenen Rhythmus dahinter.
Und dem Leser wird klar, dass das Tao Te King gerade so funktioniert.

 

Interview mit Balts Nill

Allein im Deutschen gibt es Dutzende Ausgaben des Tao Te King. Und jetzt noch eine auf Berndeutsch, fehlte ja noch …
Einerseits: Nein, fehlte nicht. Es muss nicht alles verberndeutscht werden, es gibt schon die Odyssee, die Ilias, die Bibel auf Berndeutsch … es reicht eigentlich. Andererseits: In der Mundartversion kommt das Träfe dieser Aussprüche besonders gut zur Geltung. Der Dialekt will den Text nicht vergemütlichen, sondern er spitzt ihn zu. Darum kein breites, bhäbiges Berndeutsch, sondern eines mit kurzen, rhythmischen Sätzen und scharfer Ironie.

Und deine Übersetzung …
… ist keine Übersetzung, sondern eine Übertragung und damit der Versuch, diesen Text zu verstehen. Nehmen wir den zentralen Begriff DAO. Ich habe ihn zuerst ganz weggelassen, im zweiten Teil begegneten mir aber Verse, die mich zwangen, das Unnennbare zu benennen – weil der Text das einfach verlangt. Sollte ich jetzt ein Wort finden oder einfach chinesisch DAO hinschreiben und so der Übersetzung ausweichen? Ich habe es so versucht: DO. Der Grundton der Tonleiter. Semantisch offen, trotzdem nicht ohne Bedeutung. Ein Ton, in dem alle Töne mitschwingen. Ein Ausgangspunkt.
Apropos Ton: Deine Übertragung hat einen ganz eigenen, einnehmenden Sound. Kam dir da deine langjährige musikalische Erfahrung u.a. mit Stiller Has entgegen?
Ich arbeite immer wieder mit SchriftstellerInnen zusammen. Als Musiker habe ich vor allem den Klang und den Rhythmus der Sprache im Ohr. Sie sind für mich nicht Verpackung, sondern das, was aufs Unaussprechliche hinweist – wie das Tao Te King: seisches, verschwindets / gisch ihm e name, kennsches scho nümm.

Funktioniert eine Tao-Te-King-Übertragung ohne Chinesisch-Kenntnisse?
Ich kann soviel Chinesisch, dass es mir möglich ist, die einzelnen Zeichen zu identifizieren. Und ich glaube verstanden zu haben, inwiefern das Chinesische grundlegend anders funktioniert als das Deutsche. Es kennt keine Flexion und die Begriffe stehen, im Vergleich zur Syntax flektierender Sprachen, nur lose verbunden nebeneinander. Das hat mich ermutigt, Sätze nicht immer auszuformulieren. So wie wir das oft auch beim Reden in der Mundart tun.

Gab es bei bestimmten Wörtern Übersetzungsschwierigkeiten?
«Weisheit» wird auf Berndeutsch zu wysheit. Das geht. Aber der Weise? Da bockt das Berndeutsch. Als wollte es sagen: niemand kann sich der Weisheit bemächtigen. Unübersetzbar ist der zentrale Begriff des Tao, der sowohl den Weg wie auch das Ziel einer verborgenen Wahrheit bezeichnet. Im Japanischen heisst dieses Zeichen DO (wie in Judo, Aikido usw.) Im Jurasüdfuss-Berndeutsch sagt man DO für hier. Ausserdem ist DO der Grundton der Tonleiter. Das fand ich eine hübsche Kombination, um etwas Unaussprechliches zu benennen.

Spielten andere Übertragungen für dich eine Rolle?
Ich habe viele Übertragungen gelesen, alte und neue. Gestützt habe ich mich primär auf die wissenschaftliche Ausgabe im Reclam-Verlag und die sprachlich elegante Übersetzung von Ernst Schwarz aus dem Jahr 1970. Das heisst aber eben: Übertragungen von anderen sowie meine Kenntnisse der chinesischen Zeichen haben mich vor allem dazu verführt, mein eigenes Tao-Te-King-Liedchen zu pfeifen.

Das Tao Te King wird als Weisheitsbuch bezeichnet, auch als philosophischer Text. Für dich ist er auch Lyrik. Oder wird er erst durch deine Übertragung zur Lyrik?
Es war schon immer ein poetisch-philosophischer Text, die 81 Kapitel bestehen ja aus freien Versen. Die meisten Übersetzungen gehen Richtung Prosa, ich versuche mehr die poetische Seite hervorzuheben. Also ein literarischer Ansatz, die Sprache steht im Mittelpunkt. So dunkel der Text an manchen Stellen auch scheinen mag: Der Grundton erinnert mich an alte Volkslieder. Ein Sachbuch ist meine Übertragung daher sicher nicht. Ich wüsste nicht, was für eine Sache da behandelt wird.

Für viele gehört der Text in die Schublade der Philosophie, und beim Philosophischen schwebt immer auch ein Fragezeichen im Raum. Mich dünkt, hinter deiner Übertragung tauchen mehr Ausrufezeichen auf.
Ich meide zwar Ausrufezeichen. Aber das Tao Te King schlägt tatsächlich an gewissen Stellen einen polemischen Ton an: dort, wo es gegen Heuchelei und Bildungsdünkel geht. Manchmal liest es sich wie ein Pamphlet – allerdings eines voller Paradoxe. Und das wiederum provoziert Fragen.

Hast du bei deiner Übertragung im Hinterkopf gehabt, von diesem alten Text etwas an die heutige Zeit anzugleichen?
Nicht angleichen. Aber in heutiger Sprache etwas Altes neu formulieren und interpretieren.

Was haben uns in der heutigen Zeit die Texte des Tao Te King zu sagen?
Dass Zivilisationskritik vermutlich so alt ist wie die Zivilisation selber.

Hast du unter den 81 Verstexten eine Lieblingsstelle?
im blybe isch zyt / im vergah ewigkeit.

Wenn du heute einen Blick auf China wirfst – was ist vom DO-Geist dort zu sehen?
Der DO-Geist ist sozusagen per definitionem nicht zu sehen. Und in China war ich nur einmal – vor fast dreissig Jahren. Aber für mich drückt das Tao Te King etwas aus, das ich vor allem als künstlerische Haltung wahrnehme. Ein absichtsloses, aber höchst aufmerksames Schaffen. Wie die Bilder und Skulpturen von Markus Raetz. Oder der Film «Dene wos guet geit», den ich letztes Jahr gesehen habe. Wunderbar, wie diese jungen Leute mit wenig Geld einen hintergründigen, leichten Film gedreht haben – gegen alle Regeln der Kunst. Da hüpft das taoistische Herz.

Lebst du deinen Alltag auch ein bisschen taoistisch?
Vielmehr lebt der Alltag mich taoistisch.