Ueltsch Arnd
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Das Blumenfeld im Trolleybus

Das Blumenfeld im Trolleybus
Ein Buschauffeur macht sich Gedanken

84 Seiten, Pappband 
Fr. 21.--, Euro 14,- 
ISBN 3-906786-04-8 
3. Auflage 1999

(Vergriffen, aber neu zum Sonderpreis als E-Book erhältlich)

Pressestimmen: 

Der Wechsel machte ihn zum Poeten des Alltäglichen. 
Tages-Anzeiger 

Nicht nur gedankliche Weisheiten zum Tag sind es, die Arnd niederschrieb, sondern gedichtete und deshalb wahre Geschichten. 
Der Bund

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Zum Buch: 

Ulrich Arnd - gelernter Buchhändler und jahrelang in leitender Stellung Bundeshausredaktor - hat lange Zeit über Dinge geschrieben, die mit ihm selber wenig zu tun hatten. Mit 56 Jahren hatte er genug davon und wurde Buschauffeur bei den Städtischen Verkehrsbetrieben in Bern. 
Seine Fahrten wurden auch Gedankenfahrten, schriftlich festgehalten in rund 20 kurzen Beiträgen. Reflexionen aus der Führerkabine rund um die wahre Kunst des Busfahrens, verschlafene Feiertage, geheime Päkte mit Passagieren, Sehnsüchte beim Betrachten der Kühe an der Endstation. 

Als Alltags-Philosoph zieht Ueltsch Arnd seine Runden durch die Stadt, erlebt Busfahrten als Fahrten zu sich selber. Und der Leser steigt mit ein und entdeckt dabei seine eigene Welt.

Textprobe: 

Die Kunst des Busfahrens Spätestens seit Beuys weiss man es: Jeder Mensch ist ein Künstler, und alles ist Kunst. Jedenfalls das Busfahren. Es gibt das Busfahren und das Busfahren. Ich fahre Bus, und nichts anderes. Auch gut. 

Dann gibt es Stunden, wo ich mit dem Busfahren reine Kunst mache. Der Unterschied vom einen zum anderen hat etwas zu tun mit Bewusstheit und Unbewusstheit, mit Wollen und Nichtwollen, mit mich Hineingeben in meine Aufgabe ohne Wenn und Aber. Wenn ich Kunst mache, wenn ich kunstfahre, ist es, als ob alle Poren an meinem Körper geöffnet wären. Ich bin im Eifer, in einem verhaltenen Eifer. In diesem Moment fahre ich schön Bus. Zuerst zur rein technischen Seite des Kunstfahrens. Der Fahrlehrer würde von vorausschauendem Fahren sprechen. Meine Fahrweise ist flüssig, ohne die kleinste Abruptheit. Kein Verkehrshindernis, keine Ampel, kein anderer Verkehrsteilnehmer überrascht mich. Ich rechne alles ein in meine Möglichkeiten und agiere und reagiere, ohne dass nach aussen etwas bemerkbar wäre. Alles spielt sich in meinem Inneren ab - die Abruptheiten, und nach aussen liegt ruhig der See, spiegelglatt. Mein Bild für diese Fahrweise: Eine achtzigjährige Dame steht in meinem Bus, hält sich nirgends fest, und sie steht auf einem Bein, und dieses Bein steht sogar auf einem Ei, wobei dieses Ei hochkant steht. Und die Dame wankt und schwankt nicht während meines Fahrens. 

Dies zum inneren Bild. 

Ich fahre seidig, Samt und Seide, königlich. Kein Fahrgast bemerkt das Anhalten bei den Haltestellen, noch das Wegfahren. Die Kurven sind, als ob sie gerade wären, und dies auch noch für den Fahrgast auf dem hintersten Sitz. Die Stationen rufe ich am Mikrophon klar und vernehmlich aus. Aber nicht nur das - und hier wechsle ich von der technischen Seite des Kunstfahrens zur künstlerischen Seite des Kunstfahrens: Ich rufe die Stationen derart aus, dass ich mit dem einen und einzigen Wort ganze Geschichten erzähle und Assoziationen heraufbeschwöre. Wenn ich also beispielsweise die Station "Blumenfeld" ausrufe, ohne dass die Fahrgäste unwillkürlich auf den Boden des Busses blicken und nach Blumen Ausschau halten, dann habe ich bei meiner Stationsansage versagt. Ich hätte besser geschwiegen. Beim reinen Kunstfahren sehe ich meinen Bus als grossen Pinsel. Ich male mit ihm geheimnisvolle Zeichen durch die Stadt, ähnlich japanischen Schriftzeichen auf weissem Blatt. Ich bin in diesem Moment der Maler, der wohl in vorgegebenen Bahnen, aber darin in völliger Freiheit, das heisst, in völliger Schönheit, seine Schwünge und Kurven zieht. Ich beherrsche meinen Riesenpinsel bis zum letzten Härchen, und ich kann auch den hinteren Busteil millimetergenau um den Trottoirrand herumziehen. Mein Bus steht präziser vor der Ampel, als der weisse Mittelstreifen gemalt auf dem Asphalt liegt - mittlerweile verzogen durch die Temperaturschwankungen. 

Busfahren als höchste Kunst, höchste Kunst auch deshalb, weil sie unsichtbar ist. Ob der Fahrgast von dieser Kunst etwas ahnt? Ob höchste Kunst nicht darin besteht, dass sie nur für den Künstler lebt, im Künstler lebt, im Buschauffeur? Jedenfalls hat die Kunst des Busfahrens den speziellen Charme, sich laufend in Luft aufzulösen, spurlos. Die Energie bleibt, für den, der sie spürt.

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                                        Letztes Update dieser Seite: 01.02.2017 -
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